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Die ausgelieferte Seele | ||||||||
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Erfahrungen betroffener Menschen mit der PsychiatrieAuszüge: Herausgegeben von Ursula Lessig 1996 ISBN 3-00-003880-9 80 S., 2,50 EUR zuzgl. Porto Titelbild und Innenseiten: Elmar Kortmann Aus dem VorwortDie vorliegenden Texte sind bei der Gesellschaft für seelische Gesund- (GSG) auf Grund eines Schreibaufrufs, den diese vor ca. einem Jahr im Raum Dortmund gestartet hatte, eingegangen. Dementsprechend stammen die Einsendungen aus Dortmund und Umgebung und beziehen sich schwerpunktmäßig auf die örtliche Psychiatrie.Obwohl diese Textsammlung aus einer bunten Palette individueller Geschichten besteht und daher nicht den Anspruch auf repräsentative Darstellung der gängigen Praxis erheben kann und will, so ist doch augenfällig, daß die Mehrzahl der Texte -trotz einiger positiver Schilderungen -eine gemeinsame Kritik an der Psychiatrie wie ein roter Faden durchzieht: Diese besteht darin, daß zu dem Gefühl des inneren Ausgeliefertseins an die psychische Krankheit das Gefühl des äußeren Ausgeliefertseins an die Psychiatrie noch hinzukommt, ein Nicht-Ernst-Genommen-Werdens und der Ohnmacht gegenüber ÄrztInen, die den Wunsch nach verständnisvollem Gespräch häufig genug nur mit beantworten -"zuschütten", wie ein Betroffener schreibt. Dieser subjektive Eindruck des Ausgeliefertseinsund der Ohnmacht spiegelt sich auch darin wider, daß die Mehrzahl der AutorInnen nicht ihren vollen Namen wollte oder aber ein Pseudonym gewählt hat. Der Grund hierfür ist meist nicht, wie man zunächst vermuten könnte, die Vemeidung des "als psychisch Kranke(r)" in der Öffentlichkeit da zu stehen, sondern die Angst vor schlechter Behandlung bei erneutem stationären Psychiatrie-Aufenthalt bzw . Arztbesuch. Auf der anderen Seite werden, wenn auch in geringerem Ausmaß, positive Erfahrungen mit der Psychiatrie beschrieben. Diese betreffen sowohl das therapeutische "Setting" der jeweiligen Einrichtung als auch den persönlichen Umgang der sog. Profis mit ihren PatientInnen/ Klientlnnen. Auffällig ist jedoch auch hier, daß eine als angemessen empfundene Behandlungs- und Umgangsweise meist als besonderer Glücksfall, d.h. als Ausnahme angesehen wird. Als positiv wird darüber hinaus der Zusammenhalt der PatientInnen untereinander und der gegenseitige Austausch beschrieben, wodurch das Gefühl des Ausgeliefertseins abgemildert wird. Insgesamt gesehen bieten die in den vorgestellten Texten geschilderten Erfahrungen eine Reihe von Denk- und Handlungsimpulsen, die z.B. Psychiatrie-Erfahrene zu einer verstärkten Einforderung ihrer Rechte und psychiatrisch Tatige zu einer veränderten therapeutischen Haltung und Vorgehensweise bewegen können. Erste Psychiatrieerfahrung - von B.(Textauszug)Ich befand mich mitten in der Pubertät, als meine Krankheit anfing. Eigentlich merkte ich schon zu dieser Zeit, daß mit mir nichts mehr stimmte. Ich war zeitweilig sehr melancholisch, traurig. Mit diesen Merkmalen der Seele konnte ich gut umgehen, denn diese kamen meistens dann zustande, wenn ich verliebt war und aus dieser Liebe nichts wurde. Mit einem Mal hatte ich aber diffuse Angstzustände und Schlafschwierigkeiten: Ich wandelte in der Wohnung meiner Eltern immer im Schlaf umher; die Angst war so gravierend, daß ich Hysterie und innerliche Panik verspürte. Noch schlimmer war, daß mir nicht mehr bewußt war, wer "Ich" eigentlich war, und mein Inneres löste sich mit dieser Frage auf. Es ist schwierig, solch einen Zu- stand genauer zu beschreiben, aber ich denke, man kann es so erklären: Das Denken ist chaotisch, vollkommen durcheinander. Ich hatte keinen gedanklichen Halt mehr, keinen Bezug zur Realität und zu meinem eigenen "Ich". Diese Phase tauchte bei mir periodisch auf, einmal war sie stark vorhanden und dann nicht so extrem. In dieser Hilflosigkeit umarmten mich meine Eltern, und in ihrer Umarmung fühlte ich mich sicher. Meine Eltern waren ratlos. Ich ging zur Realschule und habe mich während dieser psychischen Erscheinungen nicht mehr auf meine Klassenarbeiten und Schulauf- gaben konzentrieren können; auch sonderte ich mich von Mitschülern und Freunden ab. Meine Eltern gingen mit mir zu vielen Psychiatern und sonstigen Ärzten, aber keiner konnte (oder wollte) mir helfen. Mein Vater fuhr mit mir zu sämtlichen Krankenhäusern, doch jeder Arzt meinte, es würde schon ohne Behandlung wieder besser. Dann erfuhren meine Eltern von einer Jugendpsychiatrie. Auf die Frage meiner Eltern hin war ich einverstanden, dorthin zu gehen. Ich denke heute noch daran, wie erschreckend der erste Eindruck für mich war. Zunächst waren meine Eltern und ich noch zusammen, und eine Schwester der Station zeigte uns die Räumlichkeiten der Station. Nach kurzer Zeit sagte sie zu mir, ich könne mich schon 'mal in den Tagesraum zu den anderen Jugendlichen setzen. Ich unterhielt mich dort mit einer etwa gleichaltrigen Patientin über be- langlose Dinge. Es verging so etwa eine Stunde und ich fragte mich, warum meine Eltern nicht kamen. Dann wandte ich mich an die Schwester, die mir antwortete, meine Eltern seien gegangen und ließen mich grüßen. Wenig später machte ich die Feststellung, daß ich eingesperrt war, und das war es, was ich so schrecklich fand: das erste Mal eingesperrt zu sein. Die Frage, die ich mir stellte, war: " Warum ist es so?" Ich war nun eine Gefangene der Psychiatrie. Mit K., einer Mitpatientin, freundete ich mich sehr schell an. Wir überlegten uns immer von neuern, wie wir es geschickt anstellen könnten, aus der geschlossenen Station herauszukommen. Ich und mein Psychiater - von Dirk Danielzik -Manchmal habe ich das Gefühl, ich müßte meinem Psychiater helfen. Er nimmt sich nämlich wenig Zeit für mich. Fünf Minuten sollen ihm ein Bild meiner Gemütslage geben, fünf Minuten in einem Monat wohlgemerkt. Er fragt natürlich: " Wie geht es Ihnen?" Ich antworte auswegsuchend, oft unverbindlich, denn meistens bin ich ziemlich unglücklich. Damit aber mein Psychiater nicht meint, er sei Schuld an meinem Unglück, lasse ich gelten, wie ich allgemein nach außen hin wirke, nämlich normal, mit Problemen beladen und unter diesen Umständen in mittelprächtigem Zustand. Allerdings erwartet mein Arzt wie eine Leistung ein gewisses Wohlbefinden von mir, als sollte ich unter seiner Behandlung der Mitwelt keinesfalls grob auffällig und seinen etwaig mit mir in Kontakt geratenen Kollegen wie ein sicher geführtes Schaf erscheinen. Irgendwie erwartet er von mir, daß ich ihm keine Schande mache. Manchmal hat er so seine Vermutungen, daß ich ihn heimlich analysiere. Er hat z.B. einmal in meiner Gegenwart mit seiner Sprechstundenhilfe, sicherlich in der Überzeugung, stolz auf ihn sein zu müssen, über seinen Sohn gesprochen. Ich hatte ein bißchen den Eindruck, daß es ihm unangenehm gewesen sein könnte, unter eine falsche Rubrik Ehemann und Vater von mir eingeordnet worden zu sein, so daß er also vielleicht meinetwegen mit der Sprechstundenhilfe von seinem wohlgeratenen Sohn sprach. Aber das ist eine Vermutung, die ich meinem Narzißmus in die Schuhe schieben will.Mein Arzt ist eine starke Natur, aber er hat auch eine empfindliche Seite in seinem Wesen, die ihn mir eigentlich sympathischer macht, nur trage ich leider meiner Ansicht nach zu viel Sorge, daß er vielleicht zu empfindlich ist, da er ja täglich seinen Geist und seine Seele quasi als sein Arbeitsinstrument einsetzt. In diesen Momenten, da er, um Rücksicht auf mich zu nehmen, seine zweifellos existierende Sensibilität nicht unbedingt verbirgt, meine ich ihm helfen zu müssen, damit er mich therapieren kann. Das ist ja auch kein abwegiger Gedanke. Arzt und Patient müssen schließlich Hand in Hand arbeiten. |
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