GSG Dortmund e.V. Wenn die Seele aufbricht

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Wenn die Seele aufbricht


Subjektive Erfahrungen mit der Psychose
Auszüge:

Herausgegeben von Ursula Lessig, 1999
 ISBN 3-00-003880-9
92 S., 6 Abb., 5,00 EUR zuzgl. Porto

Titelbild: Wolfgang Fehring, Bethel

Aus dem Vorwort

...
Kennzeichnend für die hier wiedergegebenen Erfahrungen mit der Psychose ist zum einen, daß sie sich in zwei Gruppen unterteilen lassen, und zwar einmal in die Texte, die aus dem unmittelbaren Erleben heraus geschrieben wurden oder aber kurz danach, wobei den Betroffenen oft nicht klar war, was eigentlich mit ihnen geschah; zum anderen diejenigen Texte, die aus einer eher distanzierten Sichtweise heraus verfaßt wurden und viele (selbst-)reflexive Elemente enthalten, z.B. in Bezug auf die Ursachen der Psychose oder deren gedankliche und emotionale Kennzeichen. Da die Erlebnistexte für die Leserinnen meist aufregend, ja aufwühlend sind -ähnlich wie die Erlebnisse für die Betroffenen selbst -sind sie im Buch jeweils im Wechsel mit den eher distanzierten Texten angeordnet, um das Lesen zu erleichtern.

...
Insbesondere diejenigen, die direkt mit psychoseerfahrenen Menschen befaßt sind, d.h. vor allem Angehörige sowie natürlich alle professionell psychiatrisch Tätigen, können daher in der Weise Gewinn aus den vorliegenden Texten ziehen, daß sie mehr Einfühlungsvermögen und ein tieferes, vielleicht auch neues Verständnis von der Psychose entwickeln, welches wiederum zu einem angemessenen Umgang mit psychoseerfahrenen Menschen und einer effektiven therapeutischen Behandlung beitragen kann.
Auch die Gruppe derjenigen, die selbst von einer Psychose betroffen ist, kann von der Lektüre der Texte profitieren, indem sie erfährt, daß es auch noch andere Menschen gibt, die etwas Vergleichbares wie sie erleben, daß man mit seinen Erfahrungen daher nicht allein ist und Partnerinnen zum gegenseitigen Austausch und zur Durchsetzung eigener Interessen finden kann.
Darüber hinaus wünschen wir unserer Veröffentlichung einen interessierten Leserinnenkreis in allen Bereichen der Gesellschaft, um auch hier mehr Aufmerksamkeit und Verständnis für psychoseerfahrene Menschen zu schaffen.

Gedicht - H.W. Knudsen

Ich war im Käfig, bis eines Tages
ein Weg sich öffnete zur "Freiheit".
Ich durfte singen wie ein Vogel
und stürzte bald hinab.
Da war dann wieder Zeit im Käfig
bis zu dem nächstem freien Singen.
So ging es weiterhin im Wechsel.
Doch mehr und mehr lernte ich,
in der Realität zu bleiben.
Bis eines Tages kein Käfig mehr drohte,
und siehe, ich war "normal",
und keiner wunderte sich.
Dieses normale Gefühl,
es erstaunte mich ein wenig,
auch war es enttäuschend,
manchmal belustigend,
So, als wäre ich einer der wenigen,
die die Welt neu entdeckten.


Mord

(Textauszug)

Am liebsten hätte ich ihn damals erschossen. Marias Gedanken verliefen sich in der Stille der Nacht. Alles schlief. Sie hatte den ganzen Tag lang Möbel verrückt. War sie auch verrückt? Was trieb sie nur immerzu an, hier zu verändern, dort zu verschieben? Ihre Aktivität bestimmte den ganzen Tagesablauf. Sie räumte altes Porzellan auf die Terrasse und zertrümmerte den Haufen an der Wand. Polterabend. Sie hatten ja damals keinen Polterabend gehabt. Deshalb hatten sie auch kein Glück in der Ehe. Sie wurde abergläubisch. Jeder Augenblick wurde gedeutet, hatte eine tiefere Bedeutung. Nichts war dem Zufall überlassen. Hinter jeder Handlung steckte ein Hinweis auf die Vergangenheit und die Zukunft.

Sie sprach mit der Schildkröte und war jetzt kleiner als ihre Tochter, die gerade laufen lernte. Sprechen konnte sie jetzt nicht mehr. Nur noch röcheln. Sie fiel hin, hatte kein Gleichgewicht mehr. Und Tränen. Die Abtreibung verfolgt mich, bestraft mich. Das Kind, das ich damals nicht geboren habe. Es wäre jetzt sechs Jahre alt. Ich habe es doch gewollt. Nein, ich wollte es damals nicht. Ich war noch viel zu jung. Ich spüre, wie es aus jeder Frucht zu mir spricht. "Hier bin ich. Ich liebe dich. Ich bin dir nah. Ich will zu dir. Warum hast du mich nicht geboren." Wie lange soll mich das Kind noch weiter beunruhigen. Ich verscheuche dich mit heiligen Kräutern, das Haus wird geräuchert. Es hat keinen Sinn, die Vergangenheit heraufzubeschwören. Ich torkele in die Zukunft.

Das Kind wippt im Schaukelstuhl unter den Palmen, deren Blätter im Wind spielen. Die grauen Augen sehen voll Vertrauen in den Himmel. Eine Ewigkeit vergeht in diesem ruhigen Schaukeln. Hin und her, während sich die Welt zerfleischt, auffrißt.


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